Eröffnung einer Notstation / Tierpension

Wie kann ich eine offizielle Notstation, ein privates Tierheim, eine Tierpension oder einfach nur „Urlaubsbetreuung“ eröffnen?

– diese Frage bekommen wir fast jede Woche gestellt.

In Deutschland ist im Tierschutzgesetz festgelegt wer und unter welchen Voraussetzungen sogenannte „Notstationen“, „private Tierheime“, „Tiervermittlungen“ oder „Tierpensionen“ betrieben werden dürfen.

Die genauen „Regeln“ hierzu werden im 11. Paragraph des Tierschutzgesetztes (TierSchG) erläutert. Dort steht geschrieben:

(1) Wer
3. Tiere in einem Tierheim oder in einer ähnlichen Einrichtung halten will,
bedarf der Erlaubnis der zuständigen Behörde. 

Nun sind die meisten Menschen, die Tiere von ebay-Kleinanzeigen und Co. „retten“ und weiter vermitteln der Meinung, dass dies nicht auf sie zutrifft. Schließlich wollen sie ja nur „ein paar Tieren“ helfen und zahlen die Kosten für Futter und Tierarztbesuche auch noch aus ihrer eigenen Tasche. Genau so fing es bei uns auch an…

Zunächst hatten wir nur zwei Kaninchen, Lilly und Felix. Die beiden sind 2013 zu uns gezogen.

   

An einem Badesee haben wir im Frühjahr 2014 zufällig unseren Publikumsliebling Kuniche aufgegriffen. Sein Besitzer wollte ihn nicht mehr haben, da er kein süßes Hasen-Baby mehr war.

Unser Plan war es, Kuniche erst einmal mitzunehmen, damit er nicht am Badesee ausgesetzt wird. Wir wollten ihn kastrieren und impfen lassen und ein schönes Zuhause suchen. Da wir Studenten waren, waren die finanziellen Mittel begrenzt. Also wurde ein günstiger Tierarzt ausfindig gemacht, um alles medizinisch notwendige vorzunehmen.

Die Zeit verging, doch leider fand sich kein geeignetes Zuhause. Kuniche war von Anfang an oft krank, hatte immerzu Durchfall aufgrund der zuvor schrecklichen Fütterung (mehr Kräckerstangen als Heu…). Wir haben das Problem nicht in den Griff bekommen, er hatte immerzu Verstopfungen und Aufgasungen. Da wir ab Sommer 2014 nach Norwegen ins Auslandssemster wollten, haben wir uns daher dazu entschlossen, Kuniche mit Felix und Lilly zu vergesellschaften. Die Dreiertruppe ist dann für ein halbes Jahr in eine Tierpension gezogen.

Als wir aus Norwegen zurück kamen, haben wir unser dann schon relativ bekanntes Kaninchen Schlappus mitgebracht. Schlappus hatte mit seiner Facebookseite (der jetzigen „Langohrwelt“-Seite) während unseres Auslandsaufenthalts bereits einige hundert Follower angesammelt. Kaum in Deutschland angekommen, erfuhren wir von diversen Notfallkanichen- und Meerschweinchen, teilweise auch von Hamster. Immer mehr Menschen haben sich bei Problemen oder wenn sie Tiere abgeben mussten an uns gewandt. So sind nach und nach immer mehr Tiere bei uns gelandet, welche wir dann kastrieren und impfen ließen und weiter vermittelt haben. Da unsere Tierärztin für die Kastration und Impfung nur ca. 30 € berechnet hat, konnten wir die Tiere auch alle sehr günstig wieder abgeben. In der Regel waren alle Tiere nach ca. einer Woche reserviert und konnten dann nach der Kastrationsquarantäne auch direkt umziehen. Da wir sehr viele Anfragen für Vermittlungstiere hatten, konnten wir auch jeden Monat mehrere Tiere aufnehmen. Die Tiere kamen aus allen möglichen Gründen zu uns: Allergie, ungewollter Nachwuchs, Menschen-Nachwuchs und Tiere, die in der Zoohandlung verschenkt werden (ja, in Aachen war/ist das „Normalität“ gewesen, siehe die folgenden drei Fotos, aufgenommen in einer Aachener Zoohandlung).

  

„Illegaler Tierhandel?!“

Aufgrund der günstigen Behandlungen unserer Tierärztin, unserer bekannten Facebookseite und vielen Followern bei ebay-Kleinanzeigen konnten wir innerhalb weniger Monate Dutzenden Tieren zu einer schönen Zukunft in Gehegehaltung verhelfen.

So etwas stößt natürlich nicht überall auf Freude und Begeisterung – schließlich wollten die ortsansässigen „Hobbyzüchter“ auch noch ihre weder kastrierten, noch geimpften, dafür aber teureren Tiere verkaufen.

Irgendwann erhielten wir ein Schreiben vom Veterinäramt Aachen, in welchem darauf hingewiesen wurde, dass es sich bei unserer Tiervermittlung um „illegalen Tierhandel“ handele. Wenn wir unsere Tätigkeit nicht einstellen würden, könnten wir mit einer Strafe von mehreren tausend Euro rechnen. Wir waren zunächst einmal verdutzt und haben uns dann telefonisch erkundigt, was es mit dem Ganzen auf sich hat. Die wirklich freundlichen und bemühten Mitarbeiter des Veterinäramtes haben uns die Angelegenheit dann folgender Maßen geschildert:

„Wer Tiere von anderen Leuten oder aus Notfällen aufnimmt und ihnen im Anschluss ein neues Zuhause sucht betreibt „Vermittlung“. Wenn eine Vermittlung von Tieren durchgeführt wird, geschieht dies durch so etwas ähnliches wie ein Tierheim. Im Gesetz spricht man von einer „tierheimähnlichen Einrichtung“. Solche Einrichtungen bedürfen einer Genehmigung, auch wenn nur wenige Tiere vermittelt werden und keine Gewinnerzielungsabsicht vorliegt (oder man sogar draufzahlt…). Auch einzelne Privatpersonen werden zu einer „tierheimähnlichen Einrichtung“ wenn sie Tiere weitergeben.“

Wir haben uns natürlich daraufhin gefragt, warum Züchter dann keine Genehmigung benötigen, schließlich „verkaufen“ auch sie Tiere. Diese Frage wurde uns folgendermaßen beantwortet:

„Wer Tiere im Rahmen einer Hobbiezucht verkauft darf dies ohne Genehmigung tun, solange nicht mehr als 100 Tiere pro Jahr abgegeben werden.“

Diese Regelung ist auch Sicht eines Tierschützers wirklich unfair, aber leider nicht zu ändern. Natürlich kann man immer wieder behaupten, dass es sich bei den angebotenen Tieren um die „eigenen Tiere“ handelt, welche man aus privaten Gründen abheben muss oder wegen Unverträglichkeiten innerhalb der Tiergruppe. Wer auf (weitere) Anzeigen und Bußgeld-Androhungen verzichten möchte, sollte davon aber absehen…

Um weitere Tiere vermitteln zu dürfen haben wir uns daher entschlossen alles erforderliche zu tun, um die Genehmigung für eine tierheimähnliche Einrichtung zu erhalten. Hierfür musste in Aachen Folgendes getan werden:

– Absolvieren eines mindestens 6-monatigen Praktikums (mit 10-12 Stunden pro Woche) in einem Tierheim oder einer Tierarztpraxis im Bereich Kleinsäuger.
– Absolvieren einer schriftlichen Prüfung beim Veterinäramt.
– Abnahme aller Gehege für zukünftige Vermittlungstiere durch einen Amtsveterinär.

Gesagt, getan. Eine geeignete Tierarztpraxis war schnell gefunden. Dort mussten dann ein bis zwei Tage in der Woche Hilfsarbeiten durchgeführt werden. Im Anschluss folgte die schriftliche Prüfung, bestehend aus ca. 50 Fragen unter Aufsicht einer Amtsveterinärin in ihrem Büro. Es wurde wirklich so ziemlich alles gefragt, was man über Kaninchen und Meerschweinchen wissen könnte: Anatomie, Biologie, Haltung, … .

Nachdem sowohl der praktische Teil als auch die Prüfung absolviert waren, sind wir nach Braunschweig gezogen. Es folgte ein mehrere Seiten langer Antrag an die Stadt Braunschweig mit genauer Beschreibung unseres Vorhabens, der Gehege, der Tieranzahl usw. Die zuständige Amtsveterinärin hat nach genauer Prüfung alle Gehege vor Ort anstandslos abgenommen.

Des Weiteren steht im TierSchG:

(5) Mit der Ausübung der Tätigkeit nach Absatz 1 Satz 1 darf erst nach Erteilung der Erlaubnis begonnen werden. Die zuständige Behörde entscheidet schriftlich oder elektronisch über den Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis innerhalb einer Frist von vier Monaten ab Eingang des Antrags.

Darauf wurde auch genau geachtet! Bei der Gehege-Abnahme hat die Veterinärin einige unserer eigenen Tiere gesehen und sich auch direkt erkundigt, ob es sich bei diesen um unsere eigenen oder Vermittlungstiere handele. Wären es Vermittlungstiere gewesen, hätten wir diese auch nach dem Praktikum und der theoretischen Prüfung noch nicht beheimaten dürfen.

Nach der Abnahme durch das Veterinäramt vergingen noch einige Monate bis auch die schriftliche Bestätigung kam. Seitdem dürfen wir eine vom Veterinäramt festgelegte Anzahl an Tieren beherbergen. Das Veterinäramt ist jederzeit befugt uns zu besuchen und sich zu vergewissern, dass alle Tiere in den von uns angegebenen Unterkünften leben und gut versorgt sind. Zudem müssen alle tierheimähnlichen Einrichtungen „Tierbestandsbücher“ führen. Dort ist vermerkt, welches Tier wann wo untergebracht war und welche medizinischen Eingriffe erforderlich waren. Zudem notieren wir die Herkunft und die Endstelle der Tiere inkl. Kontaktdaten für spätere Rückfragen.

Abhängig vom Wohnort/Bundesland der „tierheimähnlichen Einrichtung“ reicht es jedoch oftmals nicht, wenn nur eine Person die Sachkundeprüfung nach §11 Tierschutzgesetz (Praxis und theoretische Prüfung) absolviert hat.

Oftmals ist eine weitere nach §11 TierSchG geprüfte Person erforderlich!

Warum? – Damit auch im Krankheitsfall die fachgerechte Versorgung der Tiere garantiert werden kann. In Braunschweig scheint dies zumindest derzeit nicht erforderlich zu sein. Um einem zukünftigen Drama vorzubeugen haben dennoch direkt zwei Personen bei uns im Haushalt die Sachkundeprüfung absolviert.

Was dann auch nicht vergessen werden sollte:

Die Anmeldung der tierheimähnlichen Einrichtung beim Finanzamt.

Ja, auch wenn man keinen Gewinn erzielen möchte (und wird), so muss eine Vermittlungstätigkeit angemeldet werden. Hierfür kann das Formular zur Anmeldung eines sogenannten „Kleingewerbes“ genutzt werden.

Warum anmelden? – Sobald eine Schutzgebühr, Vermittlungsgebühr oder sonstige Einnahmen erfolgen, handelt es sich um eine gewerbliche Tätigkeit. Um nicht den Verdacht zu geraten, Steuerhinterziehung zu betreiben, empfiehlt es sich von Anfang an Gewerbe anzumelden. So können im Rahmen einer Steuererklärung alle Einnahmen und Ausgaben (Futter, Zubehör, Einstreu, Tierarzt, Benzingeld zum Tierarzt und zum Futter kaufen) angegeben werden. Wahrscheinlich gibt es keine (gute) Notstation die dauerhaft schwarze Zahlen schreibt – eine Steuernachzahlung hat man demnach nicht zu befürchten und kann somit direkt „legal“ arbeiten.

„Ich vermittele gerettete Tiere und habe keine Genehmigung, was kann nun passieren?“

Wo kein Kläger, da rein Richter.

Solange es zu keiner Anzeige kommt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nichts passieren. Sollte es jedoch zu einer Anzeige kommen, so raten wir dir zur sofortigen Einstellung deiner Tätigkeit.

Wer sich dennoch „legal“ weiterhin im Tierschutz engagieren möchte kann sich beispielsweise an das örtliche Tierheim wenden oder sich als Pflegestelle bei einem Tierschutzverein engagieren.

„Ein Tier benötigt dringend Hilfe, was soll ich nun tun?“

Wir haben im Sommer vor ein paar Jahren das süße Löwenköpfchen Karlchen auf einem Balkon mit Südausrichtung in der Nachbarschaft entdeckt. Karlchen hätte den Sommer ohne Hilfe nicht überlebt, es gab keinen Schattenplatz für ihn. In solchen Fällen lohnt es sich, das Veterinäramt zu kontaktiere. Karlchen musste abgegeben werden. Das Gerücht, dass die Veterinärämter „nichts tun“ können wir nicht bestätigen. Oft genügt schon ein Anruf!

Unsere Meinung zu §11 TierSchG und dessen Umsetzung für Notstationen und Tierbetreuung:

Prinzipiell finden wir es gut, dass sich viele Menschen für hilfsbedüftige Kleinsäuger einsetzen – ganz gleich, ob mit oder ohne eine vorliegende Genehmigung durch das örtliche Veterinäramt. Wir finden es jedoch auch gut, dass es eben aufgrund der Regularien im Tierschutzgesetz sehr einfach möglich ist, die schwarzen Schafe unter den Notstationen „dicht zu machen“. Wenn man sich ein wenig in den einschlägigen Facebook-Gruppen, auf Instagram und ebay-Kleinanzeigen umschaut, wird man innerhalb kurzer Zeit Dutzende Menschen ausfindig machen können, welche sogenannte „Notstationen“ und „Ferienbetreuung“ anbieten. Selbst ernannte Notstationen, welche keine finanziellen Mittel für Kastrationen und Impfungen der Tiere haben, sollten unserer Meinung nach ihre „Arbeit“ einstellen – kein Tier sollte vom Regen in die Traufe kommen. Immer wieder ließt man von Seuchenausbrüchen aufgrund fehlender Impfungen, so etwas muss einfach nicht sein.

Auch die vor allem in den Sommermonaten plötzlich überall angebotene Urlaubsbetreuung beurteilen wir kritisch. Um Urlaubsbetreuung anbieten zu dürfen mussten wir alle hier beschriebenen Schritte durchführen. Der Ablauf für die Genehmigung einer Tierbetreuung entspricht der Genehmigung einer Tiervermittlung. Die Genehmigung ist kostspielig, regelmäßige Kontrollen durch das Veterinäramt werden in Rechnung gestellt und zudem wird die Betreuung versteuert. Wer ohne Genehmigung Betreuung von Tieren anbietet macht sich strafbar. Es drohen Anzeigen nach dem Tierschutzgesetz sowie empfindliche Bußgelder aufgrund des Steuerhinterzugs. Immer wieder wird insbesondere von Kindern in den Sommerferien Tierbetreuung angeboten. Wie ein Kind die Verantwortung für ein fremdes Tier übernehmen soll ist uns nicht klar – am Ende haften die Eltern. Tierbesitzer sollten sich daher vor einem Urlaub genau vergewissern wo und von wem die Tiere versorgt werden.